Krienserin wird Priesterin

Quelle:
Neue Luzerner Zeitung, 14.01.2006

 

 

Christkatholische Priesterweihe am 14. Januar 2006


Die Christkatholikin Marlies Dellagiacoma aus Kriens ist ab heute geweihte Priesterin. Römisch-katholische Theologinnen beneiden sie darum  


«Kannst du uns nicht verheiraten?» Diese Frage kriegt die Christkatholikin Marlies Dellagiacoma (59) aus Kriens oft gestellt. Und ebenso oft muss sie diese mit Nein beantworten. Gewiss, Marlies Dellagiacoma ist Katechetin, Diakonin, hat im letzten Jahr an der Universität Luzern sogar ein Theologiestudium abgeschlossen. Wortgottesdienste? Kein Problem. Indes: Verheiraten, geschweige denn eine Messe halten, nein, das liegt nicht drin. Jetzt aber sind diese Zeiten vorbei. Heute Mittag wird Marlies Dellagiacoma in der Augustinerkirche in Zürich zur Priesterin geweiht. Sie ist erst die dritte Priesterin in der Christkatholischen Kirche (siehe Box). Ein Amt, um das sie einige Frauen, mit denen sie an der Universität studiert hat, beneiden. «Bereits bei meiner Weihe zur Diakonin liefen einigen anwesenden römisch-katholischen Theologinnen die Tränen über die Wangen.» Verständlich, ihnen bleibt der Zugang zu diesem Amt verwehrt. «Priesterin zu werden, war aber keineswegs mein Kindertraum, die christkatholische Kirche lernte ich erst durch meinen heutigen Mann kennen.» Marlies Dellagiacoma sagt es mit einem Strahlen im Gesicht. Ein Strahlen, das während des ganzen Gesprächs selten weicht. Und irgendwie ansteckt. Dann geschieht das Unfassbare Aufgewachsen ist sie in einer römisch-katholischen Familie in St. Gallen. Des Sonntags geht man zur Messe. In jungen Jahren hat sie mit der Kirche jedoch wenig am Hut. Als sie 1968 zum ersten Mal Mutter wird, lässt sie ihren Sohn im Glauben ihres ersten Mannes taufen - reformiert. Die Familie erhält 1973 Zuwachs, eine Tochter. Dann geschieht das Unfassbare: Die Tochter ertrinkt - erst 6-jährig - im See. Irgendwann geht die Ehe in die Brüche. «Ich hatte plötzlich viele Fragen und suchte nach Antworten», sagt sie und stützt den Kopf in die Hände, das Strahlen ist für einen Moment weg. «Ich spürte, ich muss etwas verändern.» Bei der Heirat mit ihrem zweiten Mann 1980 tritt sie zur christkatholischen Konfession über. Und wird nochmals Mutter, ein Sohn. Als dieser später ob des Religionsunterrichts die Nase rümpft, denkt Marlies Dellagiacoma: «Das ist ein so spannender Stoff, den müsste man doch besser rüberbringen können.» Also lässt sie sich zur Katechetin ausbilden. Das Ziel: «Religionsunterricht, der Spass macht.» «Frauen im Vorteil» Heute stapeln sich im gepflegten Einfamilienhaus am Krienser Sonnenberg zig theologische Bücher. «Ich bin wissbegierig.» Viele Publikationen drehen sich ums Thema «Frauen und Theologie». Marlies Dellagiacoma versteht nicht, warum es in der römisch-katholischen Kirche keine Priesterinnen gibt. «Es gibt nichts, was dagegen spricht.» Im Gegenteil, je nachdem sei eine Frau im Vorteil. Wieder verschwindet das Strahlen aus ihrem Gesicht. Sie erzählt davon, wie sie kürzlich einer Mutter die Nachricht vom Suizid des Sohnes überbringen musste. «Ich nahm sie in den Arm und sagte ihr, dass ich weiss, was es heisst, ein Kind zu verlieren.» Marlies Dellagiacoma denkt einen Moment nach. Dann strahlt sie wieder, denkt an heute, an die Priesterweihe. «Nervös bin ich nicht», sagt sie. Dass ein grosser Tag bevorsteht, sei ihr vor allem bewusst, wenn sie in diesen Tagen den Briefkasten leere. Glückwunschkarten über Glückwunschkarten. «Es ist wie bei einer Hochzeit», sagt Marlies Dellagiacoma. Apropos Hochzeit. Jetzt darf sie endlich verheiraten.
Roman Hodel


Die dritte Landeskirche
Die christkatholische Kirche zählt schweizweit rund 14 000 Mitglieder, davon 400 im Kanton Luzern. Sie ist in den meisten Kantonen die dritte Landeskirche. Marlies Dellagiacoma (siehe Haupttext) ist für die Kirche im Raum Olten und Tessin tätig.  


Nähere Informationen auf der Website der christkatholischen Schwesterkirche

 

 

 

 

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Geändert am: 12. April 2006 .