Die Christkatholikin Marlies Dellagiacoma aus Kriens ist ab heute
geweihte Priesterin. Römisch-katholische Theologinnen beneiden sie
darum
«Kannst du uns nicht verheiraten?» Diese Frage kriegt die
Christkatholikin Marlies Dellagiacoma (59) aus Kriens oft gestellt.
Und ebenso oft muss sie diese mit Nein beantworten. Gewiss, Marlies
Dellagiacoma ist Katechetin, Diakonin, hat im letzten Jahr an der
Universität Luzern sogar ein Theologiestudium abgeschlossen.
Wortgottesdienste? Kein Problem. Indes: Verheiraten, geschweige denn
eine Messe halten, nein, das liegt nicht drin. Jetzt aber sind diese
Zeiten vorbei. Heute Mittag wird Marlies Dellagiacoma in der
Augustinerkirche in Zürich zur Priesterin geweiht. Sie ist erst die
dritte Priesterin in der Christkatholischen Kirche (siehe Box). Ein
Amt, um das sie einige Frauen, mit denen sie an der Universität
studiert hat, beneiden. «Bereits bei meiner Weihe zur Diakonin
liefen einigen anwesenden römisch-katholischen Theologinnen die
Tränen über die Wangen.» Verständlich, ihnen bleibt der Zugang zu
diesem Amt verwehrt. «Priesterin zu werden, war aber keineswegs mein
Kindertraum, die christkatholische Kirche lernte ich erst durch
meinen heutigen Mann kennen.» Marlies Dellagiacoma sagt es mit einem
Strahlen im Gesicht. Ein Strahlen, das während des ganzen Gesprächs
selten weicht. Und irgendwie ansteckt. Dann geschieht das Unfassbare
Aufgewachsen ist sie in einer römisch-katholischen Familie in St.
Gallen. Des Sonntags geht man zur Messe. In jungen Jahren hat sie
mit der Kirche jedoch wenig am Hut. Als sie 1968 zum ersten Mal
Mutter wird, lässt sie ihren Sohn im Glauben ihres ersten Mannes
taufen - reformiert. Die Familie erhält 1973 Zuwachs, eine Tochter.
Dann geschieht das Unfassbare: Die Tochter ertrinkt - erst 6-jährig
- im See. Irgendwann geht die Ehe in die Brüche. «Ich hatte
plötzlich viele Fragen und suchte nach Antworten», sagt sie und
stützt den Kopf in die Hände, das Strahlen ist für einen Moment weg.
«Ich spürte, ich muss etwas verändern.» Bei der Heirat mit ihrem
zweiten Mann 1980 tritt sie zur christkatholischen Konfession über.
Und wird nochmals Mutter, ein Sohn. Als dieser später ob des
Religionsunterrichts die Nase rümpft, denkt Marlies Dellagiacoma:
«Das ist ein so spannender Stoff, den müsste man doch besser
rüberbringen können.» Also lässt sie sich zur Katechetin ausbilden.
Das Ziel: «Religionsunterricht, der Spass macht.» «Frauen im
Vorteil» Heute stapeln sich im gepflegten Einfamilienhaus am
Krienser Sonnenberg zig theologische Bücher. «Ich bin wissbegierig.»
Viele Publikationen drehen sich ums Thema «Frauen und Theologie».
Marlies Dellagiacoma versteht nicht, warum es in der
römisch-katholischen Kirche keine Priesterinnen gibt. «Es gibt
nichts, was dagegen spricht.» Im Gegenteil, je nachdem sei eine Frau
im Vorteil. Wieder verschwindet das Strahlen aus ihrem Gesicht. Sie
erzählt davon, wie sie kürzlich einer Mutter die Nachricht vom
Suizid des Sohnes überbringen musste. «Ich nahm sie in den Arm und
sagte ihr, dass ich weiss, was es heisst, ein Kind zu verlieren.»
Marlies Dellagiacoma denkt einen Moment nach. Dann strahlt sie
wieder, denkt an heute, an die Priesterweihe. «Nervös bin ich
nicht», sagt sie. Dass ein grosser Tag bevorsteht, sei ihr vor allem
bewusst, wenn sie in diesen Tagen den Briefkasten leere.
Glückwunschkarten über Glückwunschkarten. «Es ist wie bei einer
Hochzeit», sagt Marlies Dellagiacoma. Apropos Hochzeit. Jetzt darf
sie endlich verheiraten.
Roman Hodel
Die dritte Landeskirche
Die christkatholische Kirche zählt schweizweit rund 14 000
Mitglieder, davon 400 im Kanton Luzern. Sie ist in den meisten
Kantonen die dritte Landeskirche. Marlies Dellagiacoma (siehe
Haupttext) ist für die Kirche im Raum Olten und Tessin tätig.
Nähere
Informationen auf der Website der christkatholischen Schwesterkirche
