"Eine Verkehrung der Hierarchie der Wahrheiten"

Quelle: Kipa 29.03.2004

 

Fundamentaltheologe Dietrich Wiederkehr kritisiert Argumentation der Schweizer Bischöfe zu Pflichtzölibat und Frauenordination

Luzern, 29.3.04 (Kipa) Der Luzerner Kapuziner Dietrich Wiederkehr (71), emeritierter Professor für Fundamentaltheologie der Theologischen Fakultät der Universität Luzern, weist auf vielfältige Widersprüche hin, die im Schreiben der Schweizer Bischofskonferenz von letzter Woche an die römisch-katholische Synode des Kantons Luzern enthalten sind. - Die Synode hat im November in einer Erklärung die Aufhebung des Pflichtzölibats und die Einführung der Frauenordination gefordert.

Wiederkehr kritisiert zum einen das "falsche Hohelied des zölibatären Priesters", das im fünfseitigen Schreiben der Schweizer Bischöfe angestimmt werde. Die Frage der Veränderung der Zugangswege zum priesterlichen Amt müsse laut Argumentation der Bischöfe positiv, nämlich vom sakramentalen Leben, vor allem von der Eucharistie her, motiviert werden.

Das sei durchaus richtig, meint Wiederkehr, der bei der genauen Lektüre des bischöflichen Briefes feststellen muss, dass letztlich dann doch eine "untheologische Verkehrung der Hierarchie der Wahrheiten" vorgenommen wird: "Es hängt dann doch von der Beibehaltung des Zölibates ab, ob unsere Gemeinden noch Eucharistie feiern können. Da wird gerade nicht von der Eucharistie her gedacht, sondern zu ihr quergedacht", meint der Fundamentaltheologe.

Der vergessene Ordensstand

Heftigen Widerspruch provoziert bei Wiederkehr auch eine weitere Aussage der Schweizer Bischöfe: "Die Geschichte lehrt, dass alle Kirchen, die den Zölibat freigestellt haben, ihn abgeschafft haben." Das stimme nicht, meint der Luzerner Kapuziner und weist auf den einmal mehr vergessenen Ordensstand hin: "Seit beinahe gleich viel tausend Jahren gibt es die Ordensgemeinschaften von freiwillig ehelosen Männern und Frauen, in der West- und in der Ostkirche. Hier wie dort gibt es neben den verheirateten Priestern das Mönchtum."

Es sei eigenartig, dass in vielen wiederholten bischöflichen Beteuerungen des zölibatären Lebens keinem der Bischöfe "auch nur einmal die Ordensgemeinschaften in den Sinn kommen". An die Orden denke man offenbar nur dann, wenn man in der Personalnot auch noch auf die Personalreserven der Ordenspriester zurückgreifen müsse, meint Wiederkehr.

Zur Glaubensfrage hochstilisiert

Ein weiterer Kritikpunkt des Luzerner Fundamentaltheologen lautet: "Die Bischöfe nehmen es stillschweigend hin, dass der Papst die Frage der Frauenordination zur Glaubenfrage hochstilisiert hat und sie gleichsam zur ’Chefsache' von Gott selber gemacht hat." Dadurch habe der Papst die Frage der Frauenordination wirksam einer innerkirchlichen Diskussion unter Bischöfen und Theologen und Gemeinden entzogen und so jede Veränderung in einer theologischen Überlegitimation blockiert.

Darin erkennt Wiederkehr eine pseudotheologische Immunisierungsstrategie: "Aus dem kirchengeschichtlichen Faktum, dass Frauen wahrscheinlich nicht die Ordination erhielten, wird rückdatierend eine normative Intention Jesu konstruiert", was für Wiederkehr unhaltbar ist.
(kipa/bbü/job)


 

 

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